Atommüll-Endlager: Warum die Suche so schwierig ist

Gelbe Castor-Behälter in einer nüchternen Zwischenlagerhalle mit Betonwänden, kühles Kunstlicht, im Vordergrund ein Warnschild ohne Schrift

Deutschland hat 2023 sein letztes Atomkraftwerk abgeschaltet, aber das schwierigste Kapitel der Kernenergie beginnt erst jetzt. Rund 27.000 Kubikmeter hochradioaktiver Abfall lagern in Zwischenlagern an den ehemaligen Kraftwerksstandorten, in Behältern, die für vierzig Jahre genehmigt sind. Ein Endlager, in dem dieser Abfall für eine Million Jahre sicher liegen soll, gibt es nicht, und der Zeitplan für seine Fertigstellung ist in den vergangenen Jahren mehrfach nach hinten gerutscht.

Warum dauert das so lange? Die Antwort liegt in einer Mischung aus Geologie, Politik und Geschichte, die in kaum einem anderen Land so verwickelt ist wie hier. Den aktuellen Stand des deutschen Verfahrens haben wir in unserem Beitrag zum Stand der Endlagersuche in Deutschland zusammengefasst. Hier geht es um die Gründe, weshalb die Suche so schwer ist.

Die Aufgabe: Eine Million Jahre

Hochradioaktiver Abfall bleibt über Zeiträume gefährlich, die jede menschliche Erfahrung übersteigen. Das Standortauswahlgesetz verlangt deshalb Sicherheit für eine Million Jahre, und das schließt jede Lösung aus, die auf Überwachung, Wartung oder das Wissen künftiger Generationen setzt. Das Endlager muss von selbst sicher sein, tief im Gestein, ohne dass jemand nach ihm schaut. Diese Anforderung unterscheidet die Endlagersuche von jedem anderen Infrastrukturprojekt und erklärt, warum sie nicht in Jahren, sondern in Jahrzehnten gemessen wird.

Drei Gesteine, viele Kandidaten

Als Wirtsgestein kommen Steinsalz, Tongestein und Kristallin, also Granit, in Frage. Jedes hat Vor- und Nachteile: Salz schließt Hohlräume von selbst, löst sich aber in Wasser; Ton hält Radionuklide gut zurück, ist aber weniger tragfähig; Granit ist stabil, aber von Rissen durchzogen. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung hat 2020 in einem ersten Schritt 90 Teilgebiete ausgewiesen, die zusammen mehr als die Hälfte der Landesfläche umfassen. Seither grenzt sie diese Gebiete mit geologischen Daten Schritt für Schritt ein. Das Verfahren ist gründlich, transparent und langsam, und das ist so gewollt.

Warum der Zeitplan kippt

Das Gesetz von 2017 sah vor, den Standort bis 2031 festzulegen. Die BGE hat inzwischen eingeräumt, dass es deutlich später werden wird, mit Schätzungen, die bis in die 2060er Jahre reichen. Die Gründe:

  • Datenlage: für viele Regionen fehlen geologische Tiefendaten, die erst durch neue Bohrungen und Messungen entstehen müssen
  • Beteiligung: das Verfahren sieht Fachkonferenzen, Regionalkonferenzen und Klagemöglichkeiten vor, die Zeit brauchen, aber Akzeptanz schaffen sollen
  • Vergleichbarkeit: drei Gesteinsarten fair gegeneinander zu bewerten, ist wissenschaftlich anspruchsvoll und juristisch angreifbar
  • Personal: Geologen und Ingenieure mit der nötigen Spezialisierung sind knapp, in Behörden wie in der Wissenschaft

Die Geschichte als Last

Kein Blick auf die Endlagersuche kommt ohne Gorleben aus. Der Salzstock im Wendland wurde 1977 politisch ausgewählt, jahrzehntelang erkundet und gegen erbitterten Widerstand verteidigt, bevor er 2020 aus geologischen Gründen ausschied. Das Vertrauen, das dabei verloren ging, prägt das heutige Verfahren: Alles muss nachvollziehbar, vergleichend und wissenschaftsbasiert sein, weil niemand eine zweite politische Vorentscheidung akzeptieren würde. Dazu kommt die Asse, ein ehemaliges Salzbergwerk, in dem schwach- und mittelradioaktive Abfälle unsachgemäß lagern und mit enormem Aufwand zurückgeholt werden müssen. Beides zeigt, was passiert, wenn Endlagerung schnell statt sorgfältig entschieden wird.

Wer entscheidet und wer kontrolliert

Die Aufgaben sind getrennt: Die BGE sucht, das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung prüft und organisiert die Öffentlichkeitsbeteiligung, am Ende entscheidet der Bundestag per Gesetz. Diese Trennung soll verhindern, dass der Suchende sich selbst kontrolliert. Sie macht das Verfahren aber auch schwerfällig, weil jeder Schritt zwischen Institutionen abgestimmt werden muss.

Der Blick über die Grenze

Finnland baut sein Endlager Onkalo in Granit und wird als erstes Land der Welt hochradioaktiven Abfall dauerhaft einlagern. Schweden hat einen Standort genehmigt, Frankreich plant in Tongestein, die Schweiz hat sich für eine Region nördlich von Zürich entschieden. Was diese Länder gemeinsam haben, ist ein früher Konsens über das Verfahren und eine deutlich kleinere Zahl an Kandidatenregionen. Wie sich die Konzepte unterscheiden, zeigt unser Vergleich zur Endlagerung weltweit.

Fazit: Langsam ist nicht dasselbe wie gescheitert

Die Endlagersuche ist schwierig, weil sie schwierig sein muss. Eine Million Jahre Sicherheit, drei Gesteine, ein Land voller Kandidatengebiete und eine Geschichte, die jedes Vertrauen aufgebraucht hat: Unter diesen Bedingungen ist ein langsames, vergleichendes Verfahren keine Schwäche, sondern die einzige Chance auf ein Ergebnis, das hält. Die Zwischenlager werden länger gebraucht als geplant, und das ist ein Problem. Ein Endlager am falschen Ort wäre ein größeres.