home     die mütter     aktionen     atompolitik     frm II     energie     kinder von tschernobyl     termine     rags    
links     überblick      presse
     der frm II     das atomei     medizin     terror     brief an den kanzler

Medizin und frm II

Zusammenfassung

Der Neubau des Garchinger Forschungsreaktors frm II kann nicht mit der Notwendigkeit für die Medizin begründet werden. Weder für die Ver­sorgung mit Radioisotopen, noch für die Strahlen­therapie, noch für die Erforschung einer neuen Krebstherapie, wie der Neutronen-Einfang-Therapie, werden Reaktorneutronen benötigt. Cyclotrone sind für die medizinischen Aufgaben besser geeignet und billiger. Der angebliche Bedarf des frm II für die Medizin mißbraucht die Angst der Menschen, an Krebs zu erkranken, und hat den Zweck, einen international wegen der Verwendung von waffenfähigem Brennstoff ins Zwielicht ge­ratenen Forschungsreaktor schön zu reden und der Öffentlichkeit nahezubringen.

Der Zweck heiligt das Mittel

Die Notwendigkeit des Garchinger For­schungs­reaktors frm II für die Medizin wird durch die TU München so sehr in den Vordergrund gerückt, daß oft der Eindruck entsteht, er müßte allein schon der Medizin wegen gebaut werden. Mit Hilfe der medizinischen Anwendung wird sogar versucht, diesen Atomreaktor in ein bayerisches Agenda 21 - Projekt zu ver­wandeln. Der frm II soll nämlich - völlig fehl am Platz - zwischen Dosenrecycling und Solarenergienutzung auf der Welt­ausstellung EXPO 2000 beeindrucken, und dies, obgleich das einzig Nachhaltige an ihm die krank machende radioaktive Strahlung ist. Es ist ein Märchen, daß, wenn das Reaktorprojekt nicht realisiert wird, viele Menschen an Krebs sterben werden, die andernfalls mit Reaktor­neutronen geheilt worden wären.

Herstellung von Radionukliden

Reaktorneutronen haben in der Medizin tatsächlich eine gewisse begrenzte Bedeutung. Sie sind geeignet für die Herstellung von Radionukliden, die in der medizinischen Diagnose und Therapie angewendet werden. Bei der Produktion dieser Radionuklide gibt es keinen Engpaß, der einen Reaktorneubau unabdingbar machen würde. Entsprechende Bestrahlungseinrichtungen gibt es an Dutzenden von Forschungsreaktoren und auch an Cyclotronen. Radiopharmakaproduzenten haben nicht das Problem, daß sie nicht genügend Radioisotope bereitstellen können. Ihr Problem ist, daß der Markt nicht genügend abnimmt.

Neutronen in der Strahlentherapie

Um Tumore abzutöten, werden in der Krebstherapie verschiedene Strahlenarten eingesetzt. Die Neutronentherapie, die bereits am alten Atomei in Garching durchgeführt wird, ist dabei zwar eine wichtige Ergänzung der Therapiekonzepte, stellt aber nur ein begrenzt anwendbares Verfahren dar. Fachleute halten Protonen und schwerere Ionen für geeigneter als Neutronen.

Neutronenstrahlung ist bei der Behandlung von schlecht durchbluteten und nur langsam wachsenden, nicht agressiven Tumoren von Vorteil. Von Nachteil ist, daß das mitbestrahlte gesunde Gewebe viel stärker als bei Röntgen-, Protonen- oder Schwerionenstrahlung geschädigt wird. Komplikationen nach einer Neutronentherapie sind mitunter ernster und häufiger.

Nur bei weniger als 1% der Krebserkrankungen hat die Neutronentherapie einen Vorteil gegenüber einer Therapie mit konventionellen Strahlen und rechtfertigt den hohen Aufwand und die Inkaufnahme von Nebenwirkungen.

Nur ein kleinerer Teil der mit Neutronen behandelten Patienten wird mit dem Ziel der Tumorheilung (kurative Absicht) bestrahlt. Das betrifft im allgemeinen nur Patienten mit Speicheldrüsen- tumoren. Die Mehrzahl der Patienten, unheilbare Krebspatienten, wird zur Symptomlinderung (palliative Absicht) mit Neutronen bestrahlt. Daran wird auch ein Reaktorneubau nichts ändern.

Der Bedarf an Neutronenquellen für medizinische Anwendungen in Deutschland wird vom Wissenschaftsrat auf insgesamt drei Anlagen geschätzt. Er empfiehlt, bei der Erneuerung der bestehenden fünf Anlagen nicht mehr als drei zu ersetzen.

Geeignete Neutronenquellen für die Medizin sind Cyclotrone. Sie können zu vertretbaren Kosten direkt an einer Klinik installiert werden und dort patientengerecht arbeiten.

Die Bestrahlungsenergien sind dabei je nach Art und Lage des Tumors einstellbar, und die Apparatur rotiert um den Patienten herum, so daß der auf den Tumor gerichtete Strahl das gesunde Gewebe möglichst schont.

Bei einem Reaktor ist von Nachteil, daß sowohl Richtung als auch Energie des Neutronenstrahls festgelegt sind und daß die unvermeidbar begleitend auftretende Gammastrahlung nur schwer vom Patienten fernzuhalten ist. Die Behandlung ist durch die langsamen Reaktorneutronen auf oberflächennahe Tumore beschränkt, und anstelle der Apparatur muß der schwerkranke Patient entsprechend gedreht werden. Eine rotierende Patientenliege wurde extra dafür konstruiert. Ein weiterer Nachteil ist, daß der Betrieb eines Atomreaktors für die Anwohner mit größeren gesundheitlichen Risiken verbunden ist als der Betrieb eines Cyclotrons.

Neutronen in der medizinischen Forschung

Als Forschungsfeld medizinischer Art am neuen Reaktor wird die Neutronen-Einfang-Therapie herausgestellt. Sie befindet sich weltweit im Experimentierstadium der Grundlagenforschung, wofür kein Reaktor als Neutronenquelle benötigt wird. Unter führenden Radiologen gilt sie als strahlenbiologische Utopie. Dennoch wird vermittelt, daß am frm II zu ihrer Realisierung nur noch die erforderlichen Experimente durchgeführt werden müßten.

Die Idee dabei ist, Borverbindungen in den Tumor einzubringen und mit langsamen Neutronen zu bestrahlen. Die Neutronen werden dabei von den Boratomen eingefangen. Die entstandenen insta­bilen Boratome zerfallen unter Aussendung von hochwirksamer radioaktiver Alphastrahlung kurzer Reichweite, die die Tumorzellen zerstört. Das Traumziel der Krebstherapie wäre erreicht.

Zuerst müßte aber die Einschleusung von borierten Molekülen in entartete Krebszellen unter Aussparung der normalen Zellen gelingen. Da aber normale Zellen und Krebszellen nicht aus unterschiedlichen Materialen und Strukturen aufgebaut sind, sondern sich nur durch ein gestörtes Zellwachstum unterscheiden, waren bisherige Versuche wenig ermutigend. Dieses Problem zu lösen, wäre erst einmal Aufgabe von Biochemie, Zellbiologie und Pharmakologie, bevor überhaupt Strahlen­biologie oder Strahlenmedizin gefragt sind.

Falls es Bedarf für derartige Experimente geben sollte, wären einfache Cyclotrone als Neutronenlieferanten, wie sie bereits am Institut für Radiochemie in Garching oder am TU-Klinikum Rechts der Isar in München zur Verfügung stehen, bestens geeignet und hätten schon längst dafür eingesetzt werden können.

Literatur:

Atomare Geschütze gegen hartnäckige Geschwulste, SZ vom 29.1.98

Forschung mit Neutronen, Nutzen für die Medizin in Diagnose und Therapie, Hrsg.: TU München, 1997

Roland Scholz, Forschungsreaktor in Garching, Arzt und Umwelt 10, 4/97, S. 290 ff

Edmund Lengfelder, Kein Bedarf für neuen Kernreaktor, Kreisbote München Nord/Ost, 17. Okt. 96

Kurativ oder palliativ?, Nachbarschaftszeitung 5/96, Hrsg.: TU München



© Mütter gegen Atomkraft e.V.