home     die mütter     aktionen     atompolitik     frm II     energie     kinder von tschernobyl     termine     rags     links     überblick


»Ich fühle mich oft minderwertig«
Die Strahlenbiologin Natalja Mansurowa musste nach der Katastrophe aufräumen – der Staat hat es ihr nicht einmal gedankt

Süddeutsche Zeitung POLITIK Dienstag, 25. April 2006
Interview München Seite 6 • Bayern Seite 6 • Deutschland Seite 6
Mit freundlicher Genehmigung von
Süddeutsche Zeitung Content

Natalja Mansurowa, 55, ist eine der Liquidatoren, die nach der Katastrophe nach Tschernobyl fuhren. Die russische Strahlenbiologin war fünf Jahre zuständig für die Aufräumarbeiten. Nun leitet sie den Verband der Tschernobyl-Invaliden. Auf Einladung der Frauenorganisation WECF kam sie nach München, die Süddeutsche Zeitung sprach mit ihr über den Einsatz.

SZ: Was war Ihre Aufgabe?

Mansurowa: Ich entnahm Proben, stellte fest, wie hoch die Verstrahlung war. Dann leitete ich die Entsorgung von radioaktiven Abfällen, denn in dem Gebiet gab es ja einige Dörfer sowie die Städte Pripjat und Tschernobyl. In den evakuierten Häusern war noch fast die gesamte Habe der Bewohner. Wir sollten feststellen, ob sie zurückkehren könnten. Als wir wussten, dass die Halbwertzeit einiger Nuklide 300 Jahre betrug, war klar, dass dies unmöglich war. Die Menschen mussten vieles zurücklassen, selbst Geld und Gold. In einer Klinik fand ich vier tote Kinder, etwa sieben bis acht Monate alt. Wir konnten nicht herausfinden, ob sie lebend oder tot zurückgelassen wurden. Bemerkenswert aber war, dass die hohe Strahlung offenbar dazu geführt hat, dass die Kinder mumifiziert waren. Zwei Jahre nach der Katastrophe.

SZ: Wie haben Sie reagiert?

Mansurowa: Ich hatte mich innerlich so zurückgezogen, dass ich gar nicht mehr emotional reagieren konnte.

SZ: Aber irgendwie mussten Sie dies doch alles verarbeiten.

Mansurowa: Ich habe damals gar nichts verarbeitet, dazu hatte ich gar nicht die Zeit. Es war ständiger Stress, die gesamten Jahre gab es keine freie Minute. Schwieriger war die nervliche Belastung, Verantwortung für andere zu haben. Daran hatte ich schwer zu tragen.

SZ: Warum sind Sie überhaupt nach Tschernobyl gegangen? Sie waren alleinerziehend, hatten eine Tochter.

Mansurowa: Vor dem Unfall hatte ich bereits zehn Jahre in einem Institut gearbeitet, das sich mit der Auswirkung von radioaktiver Strahlung auf die Umwelt befasste. Sobald die Nachricht von der Katastrophe eintraf, musste das ganze Institut seine Sachen packen und wir fuhren nach Tschernobyl. Sämtliche Männer wurden abgeordnet und alle Frauen über dem gebärfähigen Alter.

SZ: Sie konnten also nicht ablehnen?

Mansurowa: Das ging nur, wenn man einen kranken Verwandten hatte.

SZ: Sie selber hatten keine Zweifel?

Mansurowa: Was meine Eignung angeht für diese Aufgabe, so hatte ich nie Zweifel, dorthin zu gehen. Wenn ich aber heute sehe, was ich in der Folge meiner Familie damit angetan habe, meiner Mutter und meinem Kind, dann sehe ich das anders. Stünde ich noch einmal vor der Wahl, würde wohl die Mutter über die Wissenschaftlerin siegen.

SZ: Wussten Sie wie hoch die Risiken genau waren?

Mansurowa: Damals haben ja die Fachleute selber gestritten, wie viel freigesetzt wurde. Die Zahlen differierten zwischen drei und dreißig Prozent des im Reaktor enthaltenen radioaktiven Materials. Wir wussten natürlich von den Risiken, aber auch, wie wir sie vermindern konnten. Ein großes Problem aber war der Mangel an Dosimetern. Es kam so weit, dass wir mit den wenigen Messinstrumenten über das Gelände gingen und mit Kreide Striche und Kreuze machten, wo man stehen und sich hinsetzen durfte und wo nicht. Ich bat um Einweg-Dosimeter, damit die freiwilligen Helfer, die es ja auch gab, selber messen konnten. Die Politik aber war so, dass man den Leuten gar nicht sagen durfte, in welcher Strahlungsumgebung sie sich befanden. Denn hätte man es ihnen gesagt, so wären sicher einige sofort gegangen. Dann hätten neue Leute geholt werden müssen, die wiederum verstrahlt worden wären, und so hätte sich die Zahl der Strahlenopfer, der Verbrannten, erhöht.

SZ: Hat auch Geld eine Rolle gespielt?

Mansurowa: Ja. Allerdings hate ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, wie viel es sein würde. Ich verdiente damals 120 Rubel und dachte, na gut, dann bekomme ich vielleicht 300 oder so. Als ich dann das erste Mal 1100 Rubel in den Händen hielt, war das ein richtiger Schock für mich.

SZ: Können sie heute ein normales Leben führen?

Mansurowa: Ich bin oft erschöpft, habe häufig Depressionen, bin apathisch. Ich wurde an der Schilddrüse operiert, die linke Hälfte wurde entfernt, mit der zweiten habe ich nun auch große Probleme. Oft merke ich, dass mir die Kräfte nicht reichen, was wiederum dazu führt, dass ich mich minderwertig fühle.

SZ: Hat Sie der Staat damals unterstützt? Und wie ist es heute?

Mansurowa: Der Staat hat nie wirklich Hilfe geleistet. Seit vorigem Jahr ist sogar das Gesetz Nr. 122 in Kraft, mit dem sich die Lage weiter verschlechtert. Bisher bekam ich 50 Prozent der Miete für mich und meine Familienangehörigen erstattet, jetzt nur meinen Teil. Kostenlose Flugreisen wurden gestrichen, auch Medikamente, zum Teil teure aus dem Ausland. Allenfalls billige russische Medikamente werden noch erstattet.

SZ: Haben Sie Angst, dass die Tschernobyl-Opfer in Vergessenheit geraten?

Mansurowa: Je weniger Aufmerksamkeit der Staat dem Menschen gibt, desto weniger muss er finanziell tragen für ihn. Wenn der Staat wenigstens dankbar wäre, dass der Mensch, der seinerzeit auf den Hilferuf des Staates reagiert hat und sein Leben, seine Gesundheit geopfert hat, dann wäre das ja etwas anderes. Aber das ist nicht der Fall. Politiker sind nur darauf aus, das alles zu vergessen.

Interview: Frank Nienhuysen, Süddeutsche Zeitung



© Mit freundlicher Genehmigung von
Süddeutsche Zeitung Content