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»Wir waren da, als unser Land uns brauchte«
Als Liquidatorin in Tschernobyl

Ein Interview mit Natalia Manzurova von Ulrike Röhr

Natalia Manzurova ist eine der LiquidatorInnen, die nach dem Reaktorunfall aus der gesamten früheren Sowjetunion für die Aufräumarbeiten – freiwillig oder zwangsverpflichtet – zusammengezogen wurden. Insgesamt wird von 600.000 bis 1 Million LiquidatorInnen berichtet.

Die Radiobiologin und alleinerziehende Mutter war vom Sommer 1987 bis Weihnachten 1991 in Tschernobyl eingesetzt. Sie hatte gerade ihre Doktorarbeit beendet, als der Reaktor explodierte. Ihr Doktorvater war einer der ersten Wissenschaftler, der zu dem Ort der Katastrophe gerufen wurde. Er starb innerhalb weniger Monate und sie verteidigte ihre Doktorarbeit nie.

Sie war damals Mitte 30, hatte eine kleine Tochter und hätte es deshalb ablehnen können, nach Tschernobyl zu gehen. Auf meine Frage, warum sie trotzdem und in Kenntnis der Gefahren hingegangen sei, erklärt sie mir, dass es dafür viele Gründe gäbe. Einer sei, dass sie genau dafür ja ausgebildet wurde. »Es gab nicht viele Menschen mit unseren Kenntnissen. Wir wurden gebraucht um zu entscheiden, was passiert ist und wie die verstrahlte Region abzugrenzen und zu säubern ist. Entscheidungen, die Leben retten könnten. Niemand kannte zu dem Zeitpunkt das Ausmaß der Zerstörung und deren Konsequenzen.« Neben der moralischen Verpflichtung gab es aber auch den »freiwilligen Zwang«, wie Natalia es nennt. Eine ganz andere Frage sei, wie sie sich unter Tausenden von Männern gefühlt habe, die sie anzuweisen hatte, für die sie aber auch die Verantwortung übernehmen musste. Und die schrecklichen Lebensbedingungen dort... Darüber möchte sie lieber nicht reden.

Die Menschen wurden belogen

Ihr Büro war in Pripyat, einer blühenden Stadt mit damals 50.000 EinwohnerInnen. Direkt nach der Katastrophe war die Regierung der Sowjetunion vor allem damit beschäftigt, den Unfall vor der Welt geheim zu halten. So war Pripyat erst evakuiert worden, als der Reaktor schon 1 ½ Tage brannte. Selbst dann wurde den Menschen nur gesagt, dass es lediglich ein kleines Problem gäbe und dass sie nur für eine drei Tage dauernde Evakuation Sachen mitzunehmen bräuchten. Sie haben ihre Heimat verlassen ohne zu realisieren, dass sie niemals wiederkehren würden.

Natalias Arbeit bestand darin, alles zu katalogisieren und zu vernichten oder zu vergraben was die Leute zurückgelassen hatten. Sie konfiszierte verstrahltes Kinderspielzeug ebenso wie Möbel, Kleidung, Bücher, Haushaltsgeräte, T-Träger – ja, sogar ganze Häuser - um zu verhindern, dass deren ehemalige BewohnerInnen das tödliche Eigentum in die Welt hinaustragen. Es war eine zermürbende, seelisch extrem belastende Arbeit, diese sehr privaten und geschätzten Sachen der Menschen zu entsorgen. Auf dem Weg zur Arbeit, im Bus, hätten jeden Morgen viele geweint, sagt sie. Und um das Erlebte in der Nacht zu vergessen, wurde abends viel getrunken. Nach einiger Zeit sei sie emotional so abgestumpft gewesen, dass sie noch nicht mal zusammengezuckt sei, als sie die Leichen von Kindern in einem verlassenen Dorf fand.

Weiterleben mit den Narben

Bald nachdem sie Tschernobyl verlassen hatte, begannen die Leiden, die sie für drei Jahre ans Bett fesselten. Sie wird auch heute noch von Kopfschmerzen geplagt, von Müdigkeit, ihr Immunsystem ist so geschwächt, dass »ich an kalten Tagen nicht rausgehen kann oder krank werde, sobald ich mit Leuten in Kontakt komme, die auch nur eine Erkältung haben. Ein normales Leben ist so nicht möglich.« Auf ihrem Hals sehe man eine dünne Narbe. Das sei das »Tschernobyl-Kollier«, wie es die überlebenden LiquidatorInnen nennen. Zeichen einer Schilddrüsenoperation. Viele LiquidatorInnen haben Schilddrüsenkrankheiten und Schilddrüsenkrebs durch die Exposition mit radioaktivem Jod bekommen. »Mit vielen meiner Krankheiten bin ich inzwischen ‚befreundet', ich habe mit ihnen einen 'Kontrakt' abgeschlossen, dass sie mich nicht zu sehr zerstören«, schreibt sie mir. Wahrscheinlich ist die Situation nur mit einer gehörigen Portion Humor zu überleben, aber sie habe auch oft Depressionen, nicht zuletzt, weil sie befürchtet, den ihr Nahestehenden zu viele Probleme zu bereiten.

»Weißt du, was ein post-traumatischen Syndrom bedeutet?« fragt sie mich. »Die Ärzte hier haben es inzwischen gelernt. Viele Menschen, die großem oder langanhaltendem Stress ausgesetzt waren, leiden darunter. Du versteckst all deine Erinnerungen und Gefühle ganz tief in dir selbst – bis du irgendein entsprechendes Programm im Fernsehen siehst oder einen Zeitungsartikel liest. Dann kommen die Emotionen aus ihrem Versteck und verletzen dich sehr.« Besonders schlimm war es im ersten Jahr, nachdem sie aus der Tschernobyl-Zone zurück kam. Die Leute haben sie nicht verstanden, manchmal wurde sie sogar verhöhnt. Die meisten Ärzte hielten ihre Krankheiten für Einbildung und wollten sie in ein psychiatrisches Krankenhaus überweisen. Einer erklärte ihr, dass sie »Tschernobyl AIDS« habe.

Die Politiker sähen uns lieber tot

Mit 42 Jahren wurde sie als Invalidin eingestuft. Damals dachte sie, ihr Leben sei vorbei. Mehr als ein Mal dachte sie über Selbstmord nach. Schließlich rappelte sie sich wieder auf, dank Psychopharmaka, einer vertrauenswürdigen Psychiaterin und einer ehemaligen Klassenkameradin, die ihr Yoga beibrachte. Viele Jahre habe sie gar nicht über Tschernobyl sprechen können, bis sie eine Psychotherapie gemacht habe. Auch das, was sie mir beschreibt, sei immer noch nur ein kleines Bruchstück dessen, was sie in Tschernobyl gesehen und erlebt habe. Aber die Tatsache, dass sie überhaupt darüber reden könne, sei ein großer Fortschritt für sie. Niemand in Russland interessiere sich dafür, alle haben gerade harte Zeiten zu überstehen.

Vor sieben Jahren gründete sie den »Verband der Tschernobyl-Invaliden«, den sie seither auch leitet. Die Nichtregierungsorganisation berät Tschernobyl-Liquidatoren, deren verwitwete Ehefrauen und deren Kinder. Ob sie denn wenigstens gut versorgt sei, frage ich sie. »Nein«, antwortet sie, »wir waren da, als unser Land uns brauchte, mit unseren Händen und unseren Köpfen. Aber jetzt, wo wir krank sind, interessiert das niemanden. Die Politiker würden uns am liebsten tot sehen. Aber vielleicht ist es ja gerade diese Situation, die uns am Leben erhält, die uns kämpfen lässt zwischen unseren Leidensattacken.« Natalia Manzurova lebt von einer Berufsunfähigkeitszahlung, einer Arbeitspension und einem kleinen Nahrungsmittelzuschuss. Alles in allem 6.300 Rubel im Monat, weniger als 180 EURO. Die finanzielle Situation sieht für alle LiquidatorInnen, für AktivistInnen und Überlebende ähnlich mager aus.

Berichten gegen das Vergessen

Viele ihrer damaligen Kollegen und Kolleginnen sind bereits gestorben. Der »Verband der Tschernobyl-Invaliden« will eine Dokumentation über die verstorbenen LiquidatorInnen machen, und möchte ein Denkmal bauen, das an all die Menschen erinnert, die durch radioaktive Strahlung bei Unfällen und Katastrophen getötet wurden. »Es ist schlecht, wenn die Menschen ihre Helden vergessen. Die jungen Leute wissen heute gar nicht mehr, vor welchen tiefgreifenden Problemen diese Menschen sie gerettet haben. Sie begreifen gar nicht, dass hier direkt in ihrer Nähe Geschichte geschrieben wurde.«

Zum Abschluss unseres Interviews betont Natalia Manzurova, dass sie gern auf Einladung nach Deutschland kommt, sie kann Filme zeigen, Fotos, und natürlich über ihre Erfahrungen berichten. »Ich weiß nicht, wie viele Jahre mir noch bleiben werden, aber ich möchte den Menschen von Tschernobyl berichten, mein Leben lang! Das ist nicht nur mein Leben und meine Lebensgeschichte, sondern die Geschichte unseres ganzen Landes.« Ich danke Tatiana Dereviago / Women in Europe for a Common Future (WECF) für ihre Unterstützung und die Übersetzung des schriftlichen Interviews von Russisch in Englisch.

Lebenslauf

Name Natalia B. Manzurova
Geburtstag 11. Januar 1951
Geburtort Ozersk, Region von Tscheljabinsk , Russland
Wohnort Ul. Karla Marksa 21-38, Ozersk, Obl. Tscheljabinsk, Russland
Ausbildung und berufliche Biografie Nach einer Mechanikerausbildung besuchte sie bis 1986 die Akademie für Agrikultur in Moskau und graduierte sich als Radiobiologin.
Von 1977-1987 arbeitete sie als Biowissenschaftlerin in einem Forschungsinstitut. Von 1987-1991 war sie als Leitende Ingenieurin für die Entsorgung des nuklearen Abfalls in Tschernobyl zuständig.
Nach 1991 erkrankte sie und wurde 1994 Frührentnerin.
Seit 1999 ist sie Beraterin bei der Nicht-Regierungs-Organisation The Planet of Hopes
E-Mail edelveis@telecom.ozersk.ru


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