Rede von Gina Gillig
während der Kundgebung am 29.04.2006 in München, Odeonsplatz
Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
liebe Freundinnen und Freunde,
Mein Name ist Gina Gillig.
Ich bin im Vorstand des gemeinnützigen Vereins BÜRGER GEGEN ATOMREAKTOR GARCHING e. V. und Gründungsmitglied der MÜTTER GEGEN ATOMKRAFT e. V.
Ich bedanke mich bei den Veranstaltern für die Organisation dieser Kundgebung.
In den letzten Tagen ist viel über die Atomreaktorkatastrophe von Tschernobyl berichtet worden. Ich bin darüber sehr froh, dass Tschernobyl auch 20 Jahre danach nicht in Vergessenheit gerät.
Denn wer vergisst, ist verurteilt, dasselbe noch einmal zu erleben.
Dieses Ereignis verpflichtet, sich für eine verantwortbare Energieversorgung einzusetzen.
Die Atomkraft ist nicht verantwortbar!
Die Zerstörungskraft der Spaltung des Atoms zeigten im militärischen Bereich die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki.
Der wahnwitzge Traum von der sogenannten friedlichen Nutzung zerbrach in den frühen Morgenstunden des 26. April 1986. Eine gewaltige Explosion zerstörte den vierten Reaktorblock des Atomkraftwerks in Tschernobyl/Ukraine und löste die bis heute schwerste Katastrophe in der zivilen ‚Nutzung' der Nuklearkraft aus.
Deutsche und westliche Atomreaktoren sind sicher, wird immer wieder von der Atomlobby behauptet. Jedoch: Die Havarie in Harrisburg 7 Jahre vor Tschernobyl in den USA war der erste große Unfall in einem westlichen Atomkraftwerk. Die Aussage, die westlichen Reaktoren seien sicherer als jene im Osten, ist schlichtweg pure Demagogie.
Deutsche Atomphysiker lobten den Reaktortyp Tschernobyl vorher als einen der sichersten Atomreaktoren der Welt – wenig später passierte der schlimmste Unfall, der GAU.
Über Nacht wurden riesige Territorien über Jahrhunderte unbewohnbar.
Über Nacht wurden Millionen Menschen zu Opfern, davon viele Kinder. Auch die vielen noch Ungeborene sind jetzt schon zu Opfer gemacht, da sie mit großen gesundheitlichen Schäden aufgrund von Erbschäden durch die radioaktive Strahlung geboren werden werden.
Ein GAU ist heute wieder unverstellbar für die Anhänger der Atomenergie, für ewig Gestrige wie die Atomwirtschaft und die Herren Koch, Öttinger, Glos oder Stoiber – merkwürdig: lauter Leute die das C für christlich in ihrem Parteinamen führen. Ich rufe die Katholische und die Evangelische Kirche auf: Weist diese Herren in die Schranken! Sie benützen das C als Ettikettenschwindel. Unter dem Deckmantel »Christlich« vertreten sie eine inhumane Energiepolitik, die lebensfeindlich ist und die Schöpfung zerstört. Diese ewig Gestrigen leiern immer noch und schon wieder - trotz Tschernobyl - ihre Phrasen herunter: wir hätten die sichersten Reaktoren der Welt, ein GAU sei unwahrscheinlich und könne nicht passieren, es müssten neue AKWs gebaut werden.
Wer heute noch für die weitere Nutzung der Atomenergie eintritt, der sollte die Opfer dieser Katastrophe besuchen, die um ihr Leben, ihre Gesundheit und ihre Heimat für Jahrhunderte von Jahren gebracht worden sind.
Die MÜTTER GEGEN ATOMKRAFT e. V. führen seit vielen Jahren Hilfsaktionen für die Kinder von Tschernobyl durch, und wir unterstützen auch das Schilddrüsenprojekt von Prof. Lengfelder in Weißrußland.
Wie wurde 1986 hier bei uns in Deutschland damit umgegangen?
Erst am 3. Mai, eine ganze Woche nach der Explosion, fühlten sich die Behörden bemüßigt, Empfehlungen an die Bevölkerung herauszugeben, obwohl sie seit Tagen Bescheid wussten. In dieser Zeit der Geheimnistuerei haben sich viele Menschen unwissend dem radioaktiven Regen am 1. Mai ausgesetzt. Wir waren allein gelassen hinsichtlich der Gefährlichkeit von Radioaktivität. Seitens der Verantwortlichen in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft wurde verharmlost und Informationen wurden verschwiegen.
Ich möchte 3 Beispiele aufführen:
Folgende Aussage fasst es treffend zusammen:
Friedrich Zimmermann, Bundesinnenminister CSU, 7. Mai 1986: »Eine Gefährdung besteht nur in einem Umkreis von 30 – 40 km um den Reaktor herum... Obwohl wir über keine genauen Informationen verfügen, ist die Lage bei uns unter Kontrolle.«
Wie ist es heute?
Ebenfalls Beispiel ‚GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit': Der damaligen Denke fühlt man sich weiterhin verpflichtet. So wurde 1998 von der Geschäftsführung der GSF versucht, eine Publikation von drei Wissenschaftlern zu verhindern. Denn diese hatten herausgefunden, dass im Jahre 1987 in Deutschland - und dabei insbesondere in Bayern, das am meisten verstrahlte Gebiet in der BRD – insgesamt 300 mehr Totgeburten auftraten als zu erwarten gewesen wäre ohne den Fallout durch Tschernobyl. Diesen Wissenschaftler wurde - und man bedenke, das war vor nur wenigen Jahren - diesen Wissenschaftlern wurde auch verboten, an der Thematik hinsichtlich gesundheitlicher Auswirkungen von Tschernobyl weiterzuforschen.
Die IAEO ebenso wie die WHO bagatellisieren die Opfer. Die IAEO erklärt, dass es durch Tschernobyl weniger als 60 Tote gäbe und 4000 mögliche Tote in der Zukunft. Zitat aus der Pressemitteilung der IAEO unter Führung von el Baradei, die weltweit publiziert wurde: »Alles in allem ist das Ergebnis eine beruhigende Nachricht«. (Presserklärung der IAEO vom 5.9.2005).
Hans Blix, ehemaliger IAEO-Direktor sagte sinngemäß: »Angesichts der Wichtigkeit der Atomenergie kann sich die Welt jedes Jahr einen Unfall wie Tschernobyl leisten.«
Eine unglaubliche Verharmlosung!
Kein Wunder. Denn die IAEO wurde gegründet mit der Vision, die Energieprobleme der Menschheit mit Atomenergie lösen zu wollen. Es ist sozusagen die Aufgabe der IAEO, die Atomkatastrophe klein zu reden. Die WHO ist an die IAEO gebunden, sie darf hinsichtlich gesundheitlicher Folgen bei Radioaktivität nur publizieren, wenn es der IAEO passt.
Es gibt kaum einen Bereich, der von Anfang an derartig von Desinformationen, Lügen, Verharmlosungen und Verdrehungen bestimmt war und ist – sowohl hinsichtlich der militärischen als auch der zivilen Nutzung.
Nach der Katastrophe von Tschernobyl ist in Deutschland kein neues Atomkraftwerk mehr gebaut worden. Sehr wohl ist aber ein neuer Atomreaktor in Deutschland gebaut worden.
Die Bayerische Staatsregierung startete das Projekt Atomforschungsreaktor FRM II in Garching bei München. Die Atomlobby freute sich darüber. Der Reaktor sollte unter Beweis stellen: Speziell in Bayern, CSU regiert – trotz Tschernobyl und trotz der Niederlage der Atomlobby in Wackersdorf – sollen Atomanlagen wieder durchsetzbar sein.
Wenn auch kleiner als ein Atomkraftwerk, so sind die atomaren Gefahren und Probleme des FRM II ähnlich bzw. gleich. Hinzu kommt die zivil-militärische Verflechtung durch Verwendung von atomwaffenfähigem Uran.
Kaum bekannt: Östlich des Atomforschungsreaktors in Garching werden radioaktive Stoffe in die Isar eingeleitet. Unterhalb der Einleitungsstelle baden im Sommer Erholungssuchende, nichtsahnend, denn die Verantwortlichen wollen nicht, dass die Bürgerinnen und Bürger das wissen.
Zudem hat der FRM II dazu geführt, dass EON in Garching der TU München einen Lehrstuhl sponsert und finanziert zur Ausbildung neuer Atomkraftwerksbauer.
Die Entstehungsgeschichte des FRM II gleicht einem Krimi:
Tschernobyl fordert uns alle auf, sich dafür einzusetzen,
- dass Verschweigen und Verharmlosen keine Chance haben
- dass alle Atomwaffen abgeschafft werden
- dass wir den sofortigen Atomausstieg durchsetzen,
denn es gibt verantwortbare und reale Alternativen
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