Von Ulrike Röhr
Die russische Zeitzeugin Natalia Manzurova warnt davor, an der Atomenergie festzuhalten. Sie will verhindern, dass sich die Menschen, die nach dem Atomunfall in Tschernobyl forschten und aufräumten, umsonst opferten.
Vom Umgang ihres Landes mit der Katastrophe und ihren eigenen Erfahrungen in Tschernobyl berichtete die Radiobiologin und Zeitzeugin Natalia Manzurova im Münchner Presseclub am 18. April. »20 Jahre Tschernobyl – wir waren da, als unser Land uns brauchte« war Thema des Gesprächs. Dass Frauen die Atomkraft besonders kritisch sehen, erläuterte Ulrike Röhr, Herausgeberin des neuen Buchs »Frauen aktiv gegen Atomenergie - wenn aus Wut Visionen werden«. Es bietet eine Plattform für Frauen, die heute wie damals gegen das atomare Risiko kämpfen.
Der Atomunfall in Tschernobyl war nicht die erste atomare Katastrophe in der damaligen Sowjetunion. Natalia Manzurova erinnert sich: Schon 1957 gab es einen schwerwiegenden Unfall im Industriekombinat Majak nahe der Stadt Ozersk, in der Natalia Manzurova aufwuchs. Ozersk im südlichen Ural ist bis heute eine »geschlossene Stadt«, errichtet als Hauptproduktionsstätte für atomwaffenfähiges Plutonium.
Nach diesem Zwischenfall wurde ein Wissenschaftsteam gebildet, das Grundlagenforschung zum Umgang mit der Atomenergie betrieb. Manzurova bedauert, dass die Untersuchungsergebnisse geheimgehalten wurden: »Das hätte nie geschehen dürfen«. Sie wären für die Bevölkerung, russische wie internationale Wissenschaftler von unschätzbarem Wert gewesen. Dabei seien die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen bei ziviler wie militärischer Nutzung die gleichen. Ihr Fazit: »Tschernobyl zeigt, dass eine atomare Explosion immer überregionale Folgen hat«.
Sofort nach dem Atomunfall von Tschernobyl schickte die Regierung das Wissenschaftsteam von Ozersk an den Ort der Katastrophe. Ab dem vierten Mai 1986 untersuchten die Wissenschaftler die Auswirkungen des Reaktorunglücks auf Tiere und Pflanzen in der 30 km-Sperrzone um den Unfallort. Manzurova leitete als Liquidatorin die Aufräumarbeiten. Große Sorge bereitete es, verstrahltes Material aus den mehr als 400 temporären Lagerstätten in die Endlager für mittel- bis schwer verstrahltes Material zu bringen.
Nach viereinhalb Jahren Einsatz in Tschernobyl war Natalia Manzurova Invalidin. Zusammen mit anderen überlebenden Liquidatoren fordert sie seit Jahren einen Lehrstuhl zur Erforschung der Folgen von Atomunfällen. Sie kämpft trotz ihrer Krankheit gegen Atomenergie und gegen das Vergessen: »Die Opfer sollen nicht vergebens gestorben sein«. Sie kritisiert vehement, dass die russische Regierung 2005 mit dem Gesetz 122 die Invalidenrente für Überlebende gestrichen hat.
Ulrike Röhr von genanet - Leitstelle Geschlechtergerechtigkeit, Umwelt, Nachhaltigkeit -dokumentiert in ihrem Buch »Frauen aktiv gegen Atomenergie - wenn aus Wut Visionen werden«, wie Frauen in Deutschland auf die Katastrophe von Tschernobyl damals 1986 reagierten und wie sie sich heute noch aktiv gegen das atomare Risiko engagieren. Sie stellt bei Frauen ein höheres Risikobewusstsein fest. »Sie sorgen für die Zukunft ihrer Kinder.« Je gebildeter die Frau, umso kritischer gehe sie meist mit dem Thema Atomkraft um.
Nach dem GAU schlossen sich Frauen in zahlreichen Initiativen zusammen, beispielsweise im Verein Mütter gegen Atomkraft e.V. Dennoch seien Frauen in vielen wichtigen Veranstaltungen zum Thema Atomkraft unterrepräsentiert, sagt Ulrike Röhr. Genanet will ihnen Gehör verschaffen. Ein Ziel der Frauen: Die Energiewende, eine Umstellung der Energieversorgung auf erneuerbare Energie. »Politiker haben die Diskussion über eine verstärkte Nutzung von Atomenergie neu entfacht«, so Ulrike Röhr, »jedoch belegen Umfragen, dass die Mehrheit der Deutschen Atomkraft gegenüber kritisch eingestellt ist. Atomenergie ist ein unkalkulierbares Risiko und darf keine Zukunft haben.«
Genanet / Ulrike Röhr (Hg.)
20 Jahre Tschernobyl
Frauen aktiv gegen Atomenergie – wenn aus Wut Visionen werden
ISBN 3-8334-45592-0
19,90 EUR
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